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2. Jahrestagung der D3G in Bad Godesberg-Bonn - Impressionen eines Teilnehmers

 Das Thema  „Gesellschaft und Gruppe“ öffnete einen breiten Fächer von verschiedenen Blickwinkeln. Bei den Arbeitsgruppen konnte man entsprechend diversifiziert wählen – vom Gründungsmythos der D3G über die transgenerationale Erbschaft bis hin zum Islam und zur Matrix in kirchlichen Institutionen: nur vier von vielen attraktiven Themen seien damit herausgegriffen. Wahrlich ein breites Angebot, welches die Weite der Anwendbarkeit der gruppenanalytischen Methode und die Reichhaltigkeit des Wissens- und Erfahrungshintergrundes der Teilnehmenden demonstrierte.

 

Die drei Plenarvorträge, einer pro Tag, gelangen allesamt zum Hörgenuss dank präziser Rhetorik und klarer Struktur. Auch schwer verdauliche Inhalte konnten dergestalt vermittelt und aufgenommen werden. Insgesamt schlug sich bei den drei Referaten ein bemerkenswerter Spannungsbogen von einer aufrüttelnden, negativ gefärbten Rundsicht von Morris Nitsun über unsere globalen gesellschaftlichen Aussichten und Ueberlebenschancen weiter über die detaillierte Analyse des Versagens der Kontrollmechanismen über aggressive, frauenverachtende Dynamik in einem Gefängnis (anhand einer Fallgeschichte)  von Franziska Lamott bis hin zu einer positiv gefärbten Sicht der möglichen Ueberwindung von Hass und Destruktivität bei Harm Stehr. Es kam mir so vor, wie wenn sich die Frage unserer möglichen Standfestigkeit gegenüber überwältigenden Mechanismen von Negativität (bei M.Nitsun) via die Demonstration eines möglichen Ueberlebens und Bewältigens kollektiv entfesselter Aggression in einer Institution (bei F.Lamott) hin zu einer lebensrettenden Bewahrung einer humanistischen und liebevollen Weltsicht (bei Harm Stehr), wie wenn sich diese Lebensdynamik bei der Planung der Tagung unbewusst inszeniert hätte – oder vielleicht doch vom organisierenden Vorstand so gedacht worden war?

 

Die Grossgruppe, welche für den Schreibenden übrigens der wichtigste Grund ist für die Teilnahme, zeigte sich ernsthaft, feinsinnig und persönlich. Sie konnte verzichten auf die sprücheklopfende Abwehr früherer Grossgruppen in der Vereinsgeschichte, was ich als Zeichen von Weiterentwicklung deutete, aber vielleicht auch verstehe  als Ausdruck der Bedrohtheit der Position der Gruppenanalyse in der heutigen Gesellschaft. Eindrücklich kam zutage, wie sehr der jetzige Vorstand mit inneren Spannungen zu kämpfen hatte. Zudem zeigte sich auch, dass die Definition, wer zu einer gruppenanalytischen Gesellschaft gehören soll und welche Qualifikationen dazu erforderlich sind, weiterhin viel Konfliktpotential in sich trägt. Neue Mitglieder bringen Erweiterung von gruppenanalytischer Sicht und Methodik. Bringen sie auch mehr Konflikte? Was beinhaltet die aktuelle deutschsprachige Gruppenanalyse alles und wie definiert sie sich selber?

 

Die 2. Jahrestagung der neuen Gesellschaft D3G zeigte in der Grossgruppe insofern eine Konsolidierung und doch auch Zeichen einer andauernden Fragilität, wenn es um die konkreten berufspolitischen Belange geht. Die Kiste fliegt,  die Besatzung lenkt, aber weitere Turbulenzen sind zu erwarten.

 

Als Schweizer fühle ich mich stets als willkommener Gast in einem grösseren, europäischen Berufsfeld. Als ein Gast, der gerne von den wissenschaftlichen Anregungen und menschlichen Begegnungen profitiert, sich bei der berufspolitischen Ebene hingegen etwas anderweitig eingebettet  fühlt. Ich erhalte vielleicht eine Vorstellung, wie die berufspolitische Zukunft in unserm kleinen Land aussehen könnte.

 

Der Tagungsort Bonn mit den mächtigen Regierungsgebäuden und der weitläufigen Rheinaue beeindruckte mich ganz entsprechend dem oben Gesagten. Das Tagungsgebäude des Gustav Stresemann Instituts war gut gewählt, mit Angeboten für Geist, Leib und Seele am selben Ort. Es herrschte eine angenehm umfassende Atmosphäre.

 

Die D3G-Tagungen sind für mich ein bereichernder Kontakt mit einem nahen und doch nicht gleichen Sprachraum, der mir europäischer, grösser, selbstbewusster erscheint. Einem Raum, der sich vernetzt zeigt, was unter anderem augefällig wird anhand der Präsenz von englischen Teilnehmern und der mehrjährigen Grossgruppenleitung von Robi Friedman.

 

Macht bitte weiter so.

 

Georg Hess, Zürich

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