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Gedanken über die 2. Jahrestagung der D3G in Bonn- Bad Godesberg 2013

Die Tagung hat in mir viel bewegt und hinterlassen, dies versuche ich, aus ganz persönlicher Sicht, in Worten auszudrücken.

 

Zunächst zum Study Day:

Ich bin sehr bewusst schon einen Tag früher angereist, um den Study Day, der bei der ersten Jahrestagung sehr gelobt worden war, mitzubekommen. Für mich hat es sich gelohnt. Auch wenn ich Ulrich Schultz-Venrath nicht das erste Mal gehört habe, es war fachlich für mich eine gute und spannende Vertiefung. Die Offenheit, in welcher nun Transskripte zweier unterschiedlicher Gruppensitzungen vorgestellt wurden, war wunderbar, um Differenzen wie Gemeinsamkeiten „reiner“ gruppenanalytischer versus mentalisierungsbasierter Gruppentherapie in einem stationären Rahmen darzulegen. An manchen Stellen waren die Differenzen nicht mehr zu sehen, an anderen die Gemeinsamkeiten nicht mehr. Ich selbst arbeite gruppentherapeutisch in sehr unterschiedlichen Settings, von klar gruppenanalytisch bis zu verschiedenen psychosomatischen Anwendungsweisen, und oft – zwangsläufig - mentaliserungsbasiert, und kann für mich sagen, dass ich beide Methoden anwende. Ich brauche für mich in meiner Arbeit keine klare Zuordnung. Aber ich bin sehr dankbar, wenn über „orthodoxe“ oder fokussierte Anwendung geforscht wird und damit das, was ich und Andere machen, sprachlich differenziert, in Begriffe und Definitionen eingeteilt werden kann. Dies macht Lernen leichter. Die Diskussion war zwar nicht einfach. Aber auch das fördert Lernen, und auch die Entscheidung, wie man selbst arbeiten will.

 

 

Die Kleingruppen waren sicherlich alle gut (sprechen kann ich ja nur für meine eigene, aber von den Rückmeldungen Anderer scheint es allgemein so gewesen zu sein) und sowohl zum Kennenlernen der Methode als auch als Bereicherung für diverse Stufen bereits vorhandener gruppenanalytischer Kompetenz gut geeignet. Für mich selbst war sehr spannend, wie schnell gruppenanalytisches Arbeiten gelingen kann. Gibt es eigentlich den Begriff Kurzzeitgruppenanalyse? Insgesamt war der Study Day eine gelungene Veranstaltung, bei der ich hoffe, dass sie nächstes Jahr auch wieder stattfindet und ich mir die Zeit dafür nehmen kann.

 

Die Tagung selbst:

Einige Kollegen, die ich im Vorfeld gefragt hatte, warum sie nicht zur Tagung fuhren, meinten, sie sei zu „Therapeuten-lastig“. Meiner Meinung nach war dies fast nur in den Impulsreferaten der Fall. Aber wenn Gruppenanalyse in der Gesellschaft mehr Fuß fassen soll, dann ist der Psychotherapiebereich einfach ein wichtiger. Sicherlich kann man aber überlegen, ob die Kleingruppenarbeit außer Therapie und Supervision/Organisation noch ein drittes oder sonstige Themenfelder anbietet, zum Beispiel Pädagogik. Die drei Hauptreferate sprachen dagegen alle Berufsgruppen an. Denn es ging um Aggression, deren mögliche und sichere Ursachen, ihren Ausprägungen in unterschiedlichen gesellschaftlichen Bereichen und der Umgang der Gesellschaft mit ihr. Also um ein zutiefst menschliches Thema, ubiquitär vorhanden.

 

Ich will den Inhalt der drei Referate hier nicht zusammenfassen. Ich hoffe, dass alle drei veröffentlicht werden, denn sie waren wichtig und es wäre sonst sehr bedauerlich. Tagungen sind letztlich doch etwas Vergängliches und beschränkt auf die anwesenden Tagungsteilnehmer, Artikel in Zeitschriften bleiben und können ein größeres Publikum erreichen. Aber, was ein Artikel nicht macht: Er gibt nicht die Atmosphäre des Vortrags wieder. Und die hat bei den drei Referenten einen nicht zu übersehenden Anteil an der Wirkung gehabt.

 

Morris Nitsun, der „Vater“ des Anti-group-Begriffs, referierte in einem wunderschönen, gut verständlichen Englisch, parallel wurde der Text in Deutsch angezeigt. Er schilderte, welche sozialen Gefahren und Potentiale in unserer beschleunigten Welt der Medialität möglich sind, an sich mit offenem Ausgang. Bemerkenswert in der Diskussion war der unterschiedliche Übersetzungsstil von Ulrich Schultz-Venrath und Regine Scholz, der trotz der Schwere des Themas Humor hineinbrachte. Franziska Lamott brachte es fertig, Berührendes und Schockierendes über hierarchische Welten auf eine sachliche und gleichzeitig zugewandte Art und Weise zu referieren, die mich sehr beindruckte. Harm Stehr am letzten Tag reicherte die manchmal fast hoffnungslos erscheinende Aussicht mit Gründen an, nicht in Resignation zu verfallen. Die Reihenfolge der Vorträge war äußerst gut gewählt.

 

Ein wenig schade fand ich, dass die Klarinettistin Marlies Klumpenaar, die in ihren Improvisationen das gleiche hohe Niveau wie die Pianistin Misa Shimomura der beiden vorherigen D3G-Veranstaltungen hielt, gar nicht so oft zu hören war (auch, weil Frau Klumpenaar wie auch viele Teilnehmer wegen der Hochwassersituation in Deutschland Probleme mit der Anreise hatte). Denn gerade bei diesem Thema hätte ein häufigeres Umschalten in den – ich nenne es mal Nonverbal-Modus – die Möglichkeit eines spannungslösenden Containers geboten. Ich würde mir für zukünftige Tagungen wünschen, wieder solche wunderbaren Momente, dann aber ganz häufig, erleben zu dürfen.

Damit komme ich zu dem Grund, warum ich mehr Spannungslösung wichtig gefunden hätte. Mir fiel schon in den ersten Stunden der Tagung auf, jedoch noch nicht beim Study Day, dass während der Wechsel der Vortragenden, dem Richten der Mikrophone, kleinen Momenten ohne „Programm“, an verschiedenen Stellen im Publikum Unzufriedenheit sich laut machte. Es war immer wieder ein aggressiv getöntes Gemurmel zu hören, verteilt über den Raum und auch über die gesamte Tagung. In meiner beruflichen Laufbahn als zunächst somatisch tätige Ärztin, dann auch Psychotherapeutin, mittlerweile Psychosomatikerin und Gruppenanalytikerin, habe ich gerne und häufig unterschiedlichste Tagungen und Kongresse besucht. Eine solche Atmosphäre kenne ich persönlich eigentlich nur bei den Themen Berufspolitik, Borderline oder Holocaust.

Später fiel mir auf, dass ich im Gespräch mit mehreren Kollegen erstaunlich viel von internen Konflikten und Querelen der jeweiligen Gruppierungen erfuhr, jeweils im Vertrauen, mit einer großen Bandbreite von Besorgtheit bis Wut, von Aktuellem bis zu Vergangenem, aber jeweils von unverdaut Erscheinendem. Im Gegensatz dazu stand die nach meinem Erleben lange blockierte, manchmal langweilig erscheinende Großgruppe, in der es möglicherweise schwierig war, vorhandene aggressive Tendenzen mitzuteilen, in die bewusste Wahrnehmung zu bringen.

 

Ich meine, in den Großgruppen, die ich bislang erlebt habe, in meinem Heimatinstitut Heidelberg, auf der letzten DAGG- und den bisherigen D3G-Veranstaltungen, Egatin sowie Postgraduate Zürich, ein grobes Schema zu erkennen. In der Regel finden drei Großgruppensitzungen statt. Die erste scheint die Funktion zu haben, überhaupt (wieder) zu einem gemeinsamen Kontakt zu kommen, aber das gemeinsame Thema ist noch im Entstehen, es wird noch nicht gesagt, was wirklich gedacht wird. Die zweite Sitzung führt zu den Konflikten und Affekten, ist oft unangenehm aber spannend. Die dritte führt zu einer mehr oder weniger starken, aber immer ein Stück erleichternden Gemeinsamkeit, manchmal zu einer Art Lösung, aber immer zu einer Abrundung. Man möge mir verzeihen, wenn ich diesen persönlichen Eindruck nicht mit der ja durchaus vorhandenen Literatur über Großgruppen abstimme und mit diesen Überlegungen falsch liege. Ich bevorzuge momentan, Großgruppen unvoreingenommen und subjektiv zu erleben, statt sie von der allgemeingültigen Psychodynamik her zu verstehen.

 

Diese Großgruppe war anders. Ich hatte den Eindruck, die „Erstsitzungsfunktion“ war dieses Mal verteilt auf die erste und die mittlere Sitzung. So dass wichtige Dinge erst in der dritten Sitzung gesagt wurden, ich nehme mich selbst da nicht aus. Mir fehlte die Abrundung. Darüber habe ich mir seither viele Gedanken gemacht. Was war da los, gibt es dafür Gründe, hätte etwas an der Tagung anders, besser laufen können?

 

Zurück zur Marlies Klumpenaar und Misa Shimomura. Welche Funktion hat das musikalische Spiel? Ich frage mal provokant, braucht die D3G „Brot und Spiele“? Wäre das dann noch gruppenanalytisch? Ich denke, ja und ja. Schwierige Themen brauchen „Spiel-Raum“. Nach meinem Empfinden darf und soll Gruppenanalyse auch die Bandbreite haben, Spielerisches zu integrieren und zu nutzen. Nicht anstatt des Ringens um das Verstehen von Unbewusstem, sondern um das Ringen möglicher und damit auch effektiver werden zu lassen.

 

Meine subjektiven Beobachtungen erkläre ich mir damit, dass das Tagungsthema ein wenig wie ein Introjekt wirkte. Es machte Angst, die Affekte wurden vermieden, als wären sie ein „heißes Eisen“, der Wunsch nach Hoffnung war groß. Harm Stehrs Vortrag kam erst am Sonntag. Erst dann konnten die mit Aggression verbundenen Gedanken und Impulse ausgesprochen werden, nun erst ging es um blindes Mitlaufen in die vermeintliche Glückseligkeit und um Vermeidung versus Vorurteile und verfolgende Objekte. Und dann fehlte einfach die abrundende Sitzung. Aber Gruppenanalyse bedeutet ja auch Aushalten, dass nicht schon alles gut ist.

 

Und in der Matrix der D3G steckt ja auch die Angst vor dem Zerfall. Diese junge Fachgesellschaft ist entstanden aus dem Ende der DAGG. Wer gelernt hat, dass Existenz nicht selbstverständlich ist, dass es Ende, Abschied und Endgültigkeit geben kann, der muss Angst bekommen vor Trennendem. An der Stelle möchte ich aber verweisen auf die Egatin-Tagung 2009 in Heidelberg: „From Fear to Curiosity”, also von der Angst zur Neugier. Damals referierte Gerhard Wilke, dass dies kein unidirektionaler Prozess ist. Sondern dass beides gleichzeitig da ist, dass der Prozess sich umkehren kann. Ich vermute, dass es oszilliert. Angst und Neugier sind immer da, mal das eine, mal das andere im Vordergrund.

 

Mich erinnerte die Tagung daran, dass ja auch in meinem Therapiegruppen Schwieriges oft erst am Ende einer Sitzung gesagt wird, oder vor den Ferien, quasi mit einem Regulativ, um nicht sofort in tiefe regressive Prozesse abzugleiten. Dann sehe ich es als meine Aufgabe als Leitung, die Kontinuität zu gewährleisten, sollte die Gruppe es nicht selbst schaffen. Reife Gruppen tun dies selbst: „Ach war da nicht beim letztem Mal was?“ Ich wünsche mir, dass die D3G beim nächsten Mal weiter daran arbeitet. Mit der Wahl eines neuen Tagungsthemas und der Referenten für die 3. Jahrestagung werden der Vorstand und die neue Vorbereitungsgruppe sicherlich den Raum dafür eröffnen. Trotzdem bleibt es Aufgabe der Teilnehmer, diesen dann mutig zu nutzen. Ich schließe mich selbst dabei ein.

 

Auf der Gründungsversammlung im Oktober 2011 kam die Frage auf, ob Großgruppen eigentlich sinnvoll sind, ob auf den Jahrestagungen der D3G nicht darauf verzichtet werden sollte, zugunsten einer größeren Anzahl wissenschaftlicher Vorträge. Ich halte die Großgruppen, die ich ausschließlich aus gruppenanalytischen Kontexten kenne, für wichtig und notwendig. Diese Jahrestagung zeigt es meiner Meinung nach. Als ich mir im März 2011 nach Fukushima Gedanken über Sinn und Unsinn der Nutzung von Kernenergie gemacht habe, fragte ich mich, ob die Menschheit eigentlich einen tiefen Drang nach Selbstzerstörung hat. Die Arbeit an diesem Thema hat mich dann irgendwann emotional überfordert. Mir wurde klar, dass dies ein Thema ist, an dem ich allein scheitern muss, dass dies für mich nur in Gruppe geht.

 

Die Tagung hat mir diese Gelegenheit geboten. Einerseits dadurch, dass erfahrene Kollegen und Forscher, die an diesem Thema schon länger arbeiten, gute und wichtige Referate hielten. Und weil die gemeinsame Kommunikation in der Großgruppe ein Ort der Reflektion und gleichzeitigen Metabolisierung ist. Dies ist auf der Jahrestagung gelungen, aber noch nicht zu Ende.

 

Ich vermute, dass die Gruppenanalyse hier das Potential hat, für die Gesellschaft etwas abzuarbeiten. Ähnlich den früher „Nazareth/Zypern-Konferenzen“ genannten Veranstaltungen der PCCA, die Serie heißt heute „The Past in the Present“, den Tagungen „Szenisches Erinnern“ und vielen anderen kleinen bis großen Zusammentreffen. Ein Tropfen auf den heißen Stein macht noch nicht viel aus, aber steter Tropfen höhlt den Stein. So bin ich zuversichtlich, dass die D3G weiter an die Themen gehen wird, die auf Dauer die Gesellschaft verändern können. Ich nutze die Ressource Neugier und freue mich auf Dresden im nächsten Jahr.

 

Nneka Chidolue-Hoppe

Ärztin für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie, Frauenheilkunde und Geburtshilfe, Gruppenanalytikerin, niedergelassen in eigener Praxis in Mühlheim am Main

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