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"Das Unbewusste in der Gruppe" 27. - 29. Mai 2011 in Berlin

Bericht von der ersten gemeinsamen Jahrestagung der drei DAGG-Sektionen Analytische Gruppenpsychotherapie, Intendierte Dynamische Gruppenpsychotherapie und Klinik und Praxis

von Tanja Brand

Vom 27. bis 29. Mai 2011 fand in Berlin die gemeinsame Jahrestagung der drei DAGG-Sektionen Analytische Gruppenpsychotherapie, Intendierte Dynamische Gruppenpsychotherapie und Klinik und Praxis mit dem Titel „Das Unbewusste in der Gruppe“ statt. Diese erste gemeinsame Tagung war insofern ein historisches Ereignis, als sie einen wichtigen Schritt auf dem Weg zur Gründung der Deutschen Gesellschaft für Gruppenanalyse und Gruppenpsychotherapie darstellt. Dementsprechend hatte die Tagung auch das Ziel, den Gründungsprozess inhaltlich einzuleiten.

 

Marita Barthel-Rösing, Peter Döring, Stephan Heyne, Pieter Hutz, Gundula Jung-Römer, Thomas Mies und Stefan Zillner hatten die Tagung inhaltlich vorbereitet. Trotz der großzügigen Räumlichkeiten konnten aufgrund der unerwarteten Resonanz nicht alle Interessenten angenommen werden. Noch erstaunlicher war, dass fast die Hälfte der 240 Teilnehmer nicht Mitglied im DAGG war. Es bleibt offen, ob dies eher auf das Thema, den Ort oder den historischen Augenblick zurückzuführen ist.

Die Tagung fand im Harnack-Haus in Berlin statt. Adolf von Harnack, Namensgeber des Hauses, war der erste Präsident der dort ansässigen Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft, die nach dem Ersten Weltkrieg das Ziel verfolgte, die Isolation der deutschen Wissenschaft zu überwinden und sie international wieder anschlussfähig zu machen. Nach einer Periode der Anpassung an das Regime des Nationalsozialismus, wurde das Haus von den wechselnden Bewohnern mehrfach umgestaltet und gilt heute als Symbol deutscher Forschungsgeschichte und Schauplatz internationaler Politik.

In den Begrüßungsworten thematisierten die drei Sektionsleiter die aktuelle Umbruchsituation. Ulrich Schultz-Venrath (Sektion „Analytische Gruppenpsychotherapie“) erinnerte daran, dass das Tagungsthema auch der Ursprung des „Schönberger Kreises“ war. Diese seit 2002 bestehende Arbeitsgruppe treffe sich jährlich, um die „Theorien des Unbewussten“, die sie als für die Gruppenanalyse grundlegend erachtet, zu diskutieren und dem rasant fortschreitenden Wissensstand Rechnung zu tragen. Demgegenüber werde das Unbewusste heute in der Öffentlichkeit populär mit dem Gehirn gleichgesetzt. Ulrich Schultz-Venrath appellierte zuletzt mit einem Zitat von Thomas Morus, „Tradition“ sei „nicht die Anbetung der Asche, sondern die Weitergabe des Feuers!“, an die Dringlichkeit der Gründung der neuen Gesellschaft. Holger Brandes (Sektion „Klinik und Praxis“) hob in seiner Begrüßung die Tagung als ein „Neues Ereignis“, als eine „Schnittstelle“ der Gruppenanalyse in Deutschland, als die erste und letzte gemeinsame Tagung hervor, die in eine neue Gesellschaft münde. Stephan Heyne (Sektion „Intendierte Dynamische Gruppenpsychotherapie“) bezog sich auf Oscar Wilde, der zwei Gründe für Traurigkeit benennt: Zuerst sei man traurig, wenn man Wünsche nicht erfüllt bekomme und dann, wenn sie doch erfüllt würden. In der Geschichte der Gruppenanalyse sei das erste Schmerzhafte die Erfahrung der Teilung gewesen. Bei der Planung der Auflösung des DAGG habe sich die zweite Traurigkeit eingestellt.

Unter der Moderation von Pieter Hutz begann der erste Vortragsblock. Michael B. Buchholz bezog sich in seinem Vortrag „Die horizontale Dimension des Unbewussten“ nicht auf gruppenanalytische Prozesse, sondern auf dyadische zwischenmenschliche Beziehungen. Anhand einer Reihe von experimentellen Studien, insbesondere aus Psychobiologie, Neurowissenschaften und Psycholinguistik, arbeitete Buchholz Synchronisationen und Resonanzphänomene in der Beziehung zwischen Mutter und Kind, zwischen Analytiker und Patient heraus. Er wies auf die Nähe der Experimente zur klinischen Praxis hin und forderte die Überwindung der Diskrepanz zwischen Forschung und Praxis. So hinterfragte Buchholz, ausgehend von den erläuterten Studienergebnissen, etablierte psychoanalytische Begriffe und Techniken wie beispielsweise die Abstinenz und Neutralität hinsichtlich ihrer Risiken. Er kam zu dem Schluss, dass die horizontale Dimension des Unbewussten in alltäglichen Beziehungen mehr Beachtung finden müsse.

 

Thomas Mies und Dietlind Köhncke teilten sich den zweiten Abendvortrag mit dem Titel „Der Matrixbegriff und die intersubjektive Wende – Der gruppenanalytische Blick auf das Unbewusste“. Thomas Mies fasste im ersten Teil des Vortrags, „Das Unbewusste in einer sozialen Theorie des Mentalen“, die wesentlichen theoretischen Errungenschaften des Schönberger Kreises aus seiner Sicht zusammen. Er griff den Matrixbegriff von Foulkes auf, stellte dessen Neuerungen, Grenzen und Anschlussmöglichkeiten für eine zeitgemäße Auseinandersetzung mit dem Unbewussten in Gruppen dar. Ins Zentrum rückte er die Kritik des altbekannten Sender-Empfänger-Modells und die These vom Primat des geteilten Bewusstseins vor dem Selbstbewusstsein als Notwendigkeiten für eine kommunikations- und bewusstseinstheoretische Fundierung des Matrixbegriffs. Schließlich endete er mit einer ersten Begriffsbestimmung des Dynamischen Unbewussten für die Psychoanalyse und die Gruppenanalyse. Dietlind Köhncke gab im zweiten Teil des Vortrags, „Das Spiel und das Unbewusste in der Gruppe“, den Anstoß, neu über die Bedeutung des Spiels in der Gruppenanalyse nachzudenken. Sie bezog sich zunächst auf Arbeiten von Winnicott und Fonagy, auf das Aufkommen der Kindergruppenanalyse, deren Unterschiede zu Erwachsenengruppen und auf das Spielen als Kulturphänomen. Sodann veranschaulichte sie die bewegte Kommunikation und Intersubjektivität in Spiel und Tanz anhand einer Reihe von fotografisch dargestellten Szenen aus Kinderspielen, Kunst und Tierwelt. Zuletzt bezog sie die aus dem Diskurs über das Spiel herausgearbeitete Körperebene der Kommunikation zurück auf gruppenanalytische Prozesse und deklarierte eine positive Einstellung zum Spiel und die Aufmerksamkeit für die präsymbolischen und sinnlich-symbolischen Kommunikationsebenen als eine wichtige Dimension der gruppenanalytischen Haltung. Die ausgiebige Diskussion der beiden Vorträge fand in zwei Arbeitsgruppen am Folgetag statt.

Nach einer kleinen Pause folgte die erste der insgesamt drei Großgruppensitzungen unter der Leitung von Robi Friedman. Der erste Abend schloss mit einem gemeinsamen Abendessen.

Am Samstagmorgen führte Marita Barthel-Rösing in die elf Arbeitsgruppen ein, deren Einteilung im Vorfeld Pieter Hutz organisiert hatte. An dieser Stelle seien die Arbeitsgruppen und deren LeiterInnen erwähnt: Die Entwicklung geteilter Bedeutungen in der frühen Kindheit (Holger Brandes), nonverbale und verbale Kommunikation in der Gruppe (Stephan Heyne, Dietlind Köhncke), das Unbewusste und der (Gruppen)Körper – Annäherungen ans Thema anhand videographierter und protokollierter Sequenzen aus Gruppen mit Essgestörten (Regina Klein, Beate Schnabel), die Gruppe im Unbewussten (Werner Knauss), Wirkungen des Unbewussten in therapeutischen und alltäglichen Gruppensituationen – Fallvignetten, interpretiert nach dem Göttinger Modell (Wulf-Volker Lindner, Peter Döring), unbewusste und bewusste Antworten – Mentalisieren und Intervenieren in der Gruppenpsychotherapie komplexer Persönlichkeitsstörungen (Thomas Bolm), das Unbewusste in der gruppenanalytischen Supervision (Irina Bergs-Tessmar, Cornelia Volhard-Waechter), Gruppenanalyse und transkultureller Übergangsraum (Christoph Seidler), die intersubjektive Erkundung des Unbewussten am Beispiel von I. D. Yaloms Roman „Die Schopenhauerkur“ (Harm Stehr) sowie eine größere Arbeitsgruppe zu den Vorträgen (Rolf Haubl, Ulrich Schultz-Venrath), die durch Zusammenlegung mit einer weiteren Arbeitsgruppe zu den Vorträgen (Brigitte Mittelsten Scheid, Regine Scholz) entstand. Die Arbeitsgruppen waren mit einer Dauer von zwei Blöcken à eineinhalb Stunden am Samstagvormittag ein Schwerpunkt der Tagung.

 

Nach dem Mittagessen im Garten des Harnack-Hauses fand die zweite Großgruppe statt. Im Anschluss trafen sich die Sektionen zu ihren Mitgliederversammlungen. Der zweite Tag schloss mit einem Festabend, der mit einem gemeinsamen Abendessen eröffnet wurde. Zu den abwechslungsreichen Rhythmen der Crossover-Band von Bassist Achim Dette wurde getanzt und bis in die Morgenstunden gefeiert. So wie sich die Musiker über leichten Jazz, Sinti-Swing und russisches Liedgut in ihrem ersten gemeinsamen Auftritt fanden, fanden auch die Tagungsteilnehmer mit viel Freude zueinander.

 

Am Sonntagmorgen tauschten sich die Mitglieder über ihre unterschiedlichen Arbeitsgruppen anhand eines „Fishbowl in Variationen zum Tagungsthema“ unter der Moderation von Marita Barthel-Rösing und Stephan Heyne aus. Das Regelwerk des Fishbowls war – wohl aufgrund der Vielzahl der Arbeitsgruppen – komplexer angelegt als gewohnt, was bei einigen Teilnehmern Schwierigkeiten auslöste, sich auf die Inhalte zu konzentrieren. Nichtsdestotrotz entstand allmählich ein buntes Mosaik aus den verschiedenen Arbeitsgruppen.

 

Nach einer kurzen Pause fanden die Teilnehmer zur letzten Großgruppe zusammen. Die Tagung endete mit einem Ausblick von Peter Döring. Er berichtete aus den Sektionsversammlungen, in denen die Satzung der neuen Gesellschaft diskutiert und verabschiedet wurde. Es bleibe voraussichtlich bei dem Namen „Deutsche Gesellschaft für Gruppenanalyse und Gruppenpsychotherapie“, deren Gründung am 15. Oktober 2011 in Berlin stattfinde. Er lädt die anwesenden interessierten Kolleginnen und Kollegen herzlich zur Teilnahme ein. Zuletzt wurden zahlreiche Vorschläge für die nächste Jahrestagung  entgegengenommen, die vom 15.-17.06.2012 vermutlich in Leipzig stattfinden wird. Nach einem emotional bewegenden, aber auch anstrengendem Wochenende ließen die zahlreichen originellen Einfälle Zuversicht aufkommen, dass am runden Tisch der neuen Gesellschaft ein intensiver Diskurs über Gemeinsamkeiten und Unterschiede der ehemaligen Sektionen entstehen wird und dass sich viele neue Mitglieder dazugesellen werden. „Die“ zukünftige Gruppenanalyse wird davon sehr profitieren, theoretisch befruchtet werden und sich weiterentwickeln.

 

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