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Bericht zur 5. D3G-Jahrestagung vom 10.-12.06.16 in in Berlin

Eine Tagung erzählt eine Geschichte: „ Umbrüchentwicklungen. Zeit der Gruppenanalyse“

 

Als affiliiertes Mitglied nehme ich an der Tagung der D3G teil. Ich war lange Mitglied im DAGG, Sektion Psychodrama, und habe mich nach deren Auflösung für die Mitgliedschaft in der D3G entschieden.

 

Der Tagung voraus geht am 9.6.16 ein Study Day: „“Die Vielfalt der Gruppenanalyse“, der neugierig machen soll auf Gruppenanalyse und ihre Anwendungen.

 

Grußworte zur Eröffnung der Tagung „Umbrüchentwicklungen. Zeit der Gruppenanalyse“ am 10.-12.6.16 spricht zunächst Barbara John, Vorstandvorsitzende des Paritätischen Wohlfahrtverbandes Berlin. Sie ist keine Gruppenanalytikerin und schildert, wie sie Gruppensettings schuf für ihre Arbeit mit den Familien der NSU-Opfer: eine Anwendung der grundlegenden Werte der Gruppenanalyse in einer universellen Weise.

 

Im zweiten Grußwort von Beate Unruh, der Vorsitzenden der DGPT, kommt zur Sprache die Mühsal der GruppenanalytikerInnen, die mit Patientengruppen arbeiten: der Umgang mit Richtlinien, mit äußeren Bedingungen und einer verschwindend geringen Zahl an beantragten Gruppenanalysen bei den Kassen.   Diese marginale Position schafft eine Lücke zu dem Wert, den GruppenanalytikerInnen ihrem Verfahren  beizumessen gewohnt sind.

 

Schließlich spricht Martin Teising als Präsident der IPU ein drittes Grußwort, in dem er eine Beziehung gruppenanalytischen Wissens zu derzeitigen politischen Verhältnissen herstellt:  daß nämlich GruppenanalytikerInnen die Notwendigkeit von Grenzen benennen  können und sollen, als wesentliches Element für die freie Entfaltung im Inneren. Wenn dies im politischen Raum nicht geschieht, Abgrenzung nicht benannt wird,  sind die anderen die Bösen, die Fundamentalisten, die rigide von Grenzen reden – Herr Teising hält ein Plädoyer dafür, dieses wichtige Element des Gruppenverständnisses nicht den destruktiven Kräften zu überlassen, sondern Grenzen wie Zugehörigkeiten gleichermaßen zu artikulieren.

 

Im folgenden Vortrag von Sylvia Hutchinson: „Changing Patterns of Intimacy and Belonging – Implications for Group Analysis“  dreht es sich darum, wie Gruppenanalyse in einer sich dramatisch wandelnden Welt nicht nur bestehen, sondern darüber hinaus  gestalten helfen kann. Sich wandelndes Verständnis von Zugehörigkeit mit Konsequenzen, die wir noch nicht absehen können:   dies  nicht nur als Grund zur Klage anzusehen, sondern mit Neugier und Interesse wahrzunehmen, eine kreative  statt einer destruktiven Transformation zu befördern in  veränderten Mustern der Zugehörigkeit.

 

Die Vorträge von Ulrich Schultz-Venrath „Un/d)zeitgemäßes über Gruppenpsychotherapie“ und Meinhard Korte: „Psychoanalyse und Gruppenanalyse – Rivalität, Konkurrenz oder Kooperation“ bringen in den Raum zum einen die Gründungsväter, die Besinnung auf die Herkunft,  sich dabei von Mythen zu befreien und die Geschichte als gemeinsames Herkommen mit zu führen.

Wagemut,  Forschergeist seien doch womöglich eine passende Identifizierung mit dem Pioniergeist der Vorväter, statt mit deren vor Jahrzehnten festgelegtem Wort und Erkenntnissen.

 

Neben anderen Klärungen geht es um die Positionierung im Verhältnis von Einzelanalyse

zu Gruppenanalyse: wie die D3G als gruppenanalytische Fachgesellschaft ihr Selbstverständnis entwickeln will: als  Anwendung der Psychoanalyse? Oder ist Psychoanalyse nur  ein fundierendes Konzept für die Gruppenanalyse? Ist eine eigene Theorie notwendig in Abgrenzung zu Psychoanalyse? Die Neufassung von Begriffen und Definitionen erschlösse andere Felder: Gruppenanalyse als Fach auch für Nicht-Kliniker.

 

Und schließlich der Vortrag von Elisabeth Rohr: „To go fast, go alone  - to go far, go together! Gruppenanalyse in Zeiten gesellschaftlicher Umbrüche“ nutzt Überlegungen, die im Nachdenken über Adoleszenz vertraut sind, was Initiationen und Umbrüche betrifft.  Sie nutzt dies  zur Beschreibung von Dynamiken in Großgruppen, wendet sie auf  derzeitiges politisches Geschehen an.

Übergangsriten bei komplexem Identitätswechsel,   der transitäre Prozess, Liminarity: die Rolle des  „master of ceremonies“ wird deutlich,  der den Rahmen hält,  Orientierung gibt, um die  Verunsicherung in der Passage zu lindern und der Wandlung zu helfen.

 

In den Kleingruppen werden Aspekte  der Themen aufgegriffen und belebt.

Kommentiert werden die einzelnen Veranstaltungsteile durch  Improvisationen auf dem Klavier, die  die erfaßte Stimmung  in einem anderen Medium zu Gehör bringen.

 

Drei Großgruppensitzungen, geleitet von Robi Friedman, bringen Konflikte und Kränkungen zu Gehör, manchmal allzu leise; Grenzverletzungen werden angesprochen und inszenieren sich. Bindung bedarf des Vertrauens ins Unvertraute und ist nicht leicht zu entwickeln.

 

Die Mitgliederversammlung zeigt den Vorstand in seiner zentralen Leitungsaufgabe als oberstes Organ bei ehrenamtlicher Tätigkeit aller Beteiligten und arbeitet unter der Leitung von Pieter Hutz.

 

 40 neue Mitglieder werden aufgenommen, die personellen Veränderungen im Vorstand für 2017 kündigen sich an, sind auch schon geschehen – ein sorgsamer slow open Übergang soll geschaffen werden.

Die internationale Tagung 2017, für die D3G eine  Veranstalterin sein wird, wirft Fragen auf: wo werden Kontinuität und Belange der D3G bleiben  und ob man einer solch internationalen Veranstaltung gewachsen sein kann.

 

Die Berichte aus den Kommissionen, Beiräten, Fachgruppen zeigen die lebendige Entwicklung der Arbeit an den Themen der D3G, ausgeführt durch ehrenamtliche tätige Mitglieder. Es werden Anträge debattiert, entschieden oder zurückgestellt – die Organisation erarbeitet  und klärt sich selbst in ihren Formen und Positionen.

 

Schließlich wird auch ein Fest gefeiert.

 

Es findet ein Wechsel statt aus Input, Bearbeitung, emotionalem Erleben, der kognitiven Erfassung, Schlüsse ziehen, Formen finden, im Klavierspiel auf den Punkt gebracht:  ein Ensemble von Bearbeitungsformen. All diese verschiedenen Zugangsformen zum Inneren der Gruppe,  ihrer Besinnung und Verortung, wie auch notwendiger Lösungen und Entscheidungen, greifen ineinander.

 

Das Anliegen  des Vorstandes wird deutlich,   weitgehend Transparenz zu schaffen, die gruppenanalytische Haltung in allen Elementen der Begegnung deutlich zu machen. Obgleich ich manches nicht verstanden habe,  erlebte ich doch, wie durch das Teilnehmen, auch im Nichtverstehen, in mir Prozesse abliefen, die anregend oszillierten zwischen meinem Erleben und den von außen kommenden Impulsen.

 

 

Welche Geschichte habe ich die Tagung erzählen hören?

 

Aus dem Ankündigungstext entnehme ich die Fragen, zu deren Beantwortung die Tagung konstruiert war:

 

Ist Gruppenanalyse zeitgemäß organisiert?

Was kann Gruppenanalyse zur Bewältigung sozialer Spannungen beitragen?

Welche Erfahrungen machen GruppenanalytikerInnen gegenwärtig in ihren Praxisfeldern - und wie organisieren sie das Potenzial der Gruppenanalyse?              

 

Mir erzählt sich folgende Geschichte:

 

Eine Gruppe setzt sich der Bearbeitung der Identitätsentwicklung aus mit all den Ängsten,  die dies begleiten: Identität ist nicht erworbener Besitz, sondern auf Kontexte der Anerkennung und Vergewisserung angewiesen. Identität zwischen Zugehörigkeit und Abgrenzung:  immer wieder neu zu verhandeln.

 

Ob man sich in der  D3G  noch immer im Transit fühlt?

Mehrfach nehme ich eine Zögerlichkeit wahr, als sei man noch im Transit begriffen, in ungewissem Gelände. Es werden Einfälle des Untergangs artikuliert, des bedrohten Flüchtlings auf dem Mittelmeer – mare nostrum – , zwar der Aktualität geschuldet, aber  auch in Resonanz auf die Stimmungen der Tagung belebt. Bilder aus dem äußeren Geschehen werden  benutzt, um das innere Geschehen der Gruppe zu bebildern: mit 40 Neuankömmlingen an Bord.

 

Ob man Dazukommenden  überhaupt Bedeutung geben, deren Potenz anerkennen kann, darin scheint mir  ein schwieriges Verhältnis im Bekenntnis zu eigener Potenz und Qualität zum Ausdruck zu kommen. Es könnten ja Konflikte entstehen, die die Gruppe in ihren bisherigen Überzeugungen angreifen und sprengen: die Angst schien noch keiner ausreichenden Vergewisserung miteinander gewichen.

 

Ich allerdings sehe die Tragfähigkeit der Organisation, eine gepflegte Infrastruktur ist  vorhanden, die Bearbeitung und Kommunikation ermöglicht und Konflikte trägt. Der „Master of ceremonies“ hierfür ist der Vorstand, an den diese Aufgabe delegiert ist.

 

Ähnlich fraglich wirken auf mich die  Bilder einer Gefährdung durch die Internationale Tagung 2017: was kommt  zum Vorschein, kann man sich dort präsentieren, ist man schon so weit?

Angesichts einer internationalen  Repräsentation zögerlich werdend: „haben wir als Deutsche dieses Recht, und hier in Berlin? Welche Fragen werden auf uns zukommen?“

 

Die generationale Leistung von Nachkriegskinder  in den letzten Jahrzehnten, das Schweigen der Eltern  in Forschung, Klärung durch Rechtsprechung, Auseinandersetzung und Selbsterfahrung zu wandeln, viele Male angeführt auch von GruppenanalytikerInnen – auch dies kann als Leistung auf dem zivilisierenden Weg  präsent sein.

 

Hat  ein Teil der Zögerlichkeit zu tun mit der Frage über den Wert der Gruppenanalyse als der gemeinsamen Sache?

 

Eine Lücke tut  sich auf zwischen der marginalen Bedeutung der Gruppenanalysen als Patientenbehandlung bei den Kassen einerseits,  andererseits dem gruppenanalytischen  Wert,   Formen zur Verfügung zu stellen  für die Kommunikation in der Pluralität gesellschaftlicher Gruppen.  Wie viel Mut besteht, sich Formen der Wirkung in  nicht-klinischen Systemen vorzustellen,  in denen Kommunikation, auch des Unbewußten im Reflektionsraum, teilen und mitteilen  etwas bewirken kann?

Organisationen und Großgruppen, die zur Angstbewältigung  schnelle Antworten benötigen –  die Lösung schon haben wollen, bevor  annähernd verstanden wurde, wofür eigentlich  –  da fällt die Gruppenanalyse aus dem Zeitgeist: sie besteht auf  Aushalten der Ambivalenz, allerdings auch auf  Zutrauen in daraus folgende Haltungen und Prozesse. 

 

Dies zur Verfügung zu stellen für gesellschaftliche Belange, die anders keinen Ort, keine Kommunikation und Gemeinsamkeit finden könnten, das tun die „Master of ceremonies“, wenn diese Rolle angenommen wird. Wie deutlich wird dieser Wert  nach außen getragen?

 

Masters of ceremonies - eine Rolle will genommen werden: Als Potenz der Gruppenanalyse sehe ich, daß GruppenanalytikerInnen „masters of  ceremonies“ sein können, und dafür nicht nur mit ihrer Person einstehen, sondern in der Form selber die ceremonie mit sich führen, die auch sie trägt.

 

 

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