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Zur 5. Jahrestagung der D3G umbrüche entwicklungen

Ein paar ganz subjektive Eindrücke aus meiner Tagungsbegleitung:  

 

Die individuelle Erwartung im Vorfeld wurde nicht erfüllt – vielleicht ein Umbruch?

Dafür fand ich an ganz anderen Stellen unerwartet Anregungen – womöglich eine Entwicklung?

 

Immer wieder suche ich nach Kriterien für eine gute Differentialindikation, ob und wann ich Patienten eine Gruppenanalyse oder eine Einzelanalyse empfehle. Und so versprach ich mir spontan zu meiner aktuell relevanten, klinischen Fragestellung einen erhellenden Austausch mit Kollegen in der Arbeitsgruppe zu den Hauptvorträgen. M. Korte mit seinem Vortragsthema über „Psychoanalyse und Gruppenanalyse – Rivalität, Konkurrenz oder Kooperation?“ griff dieses Thema auf - natürlich weit über meine enge klinische Fragestellung hinaus, vielmehr unter Einbeziehung aktueller Kontroversen zum Thema in der Patientenversorgung und in der Ausbildung zum Gruppenanalytiker. Kann eine verbindliche einzelanalytische Selbsterfahrung angehende Gruppenanalytiker davor bewahren, dass ihre persönlichen Schwierigkeiten ihre gruppenanalytischen Erkenntnisprozesse trüben? Brauchen manche Patienten für die erforderliche Durcharbeitung ihrer Konflikte die Regression und den Schutz der Einzelanalyse? Können andere Patienten gerade im Schutz der Gruppe ihren Widerstand besser lockern und sich im eigenen Tempo auf einen therapeutischen Prozess einlassen? Ist der common ground der Einzel- und der Gruppenanalyse hinsichtlich der Wahrung von Abstinenz gefährdet, wenn  Gruppenanalytiker in ihrer Ausbildung bei ihrem Gruppenselbsterfahrungsleiter auch ihre Gruppentherapien supervidieren lassen? M. Korte stellte in Frage, wie denn eine heftige Übertragung in der Selbsterfahrung durchgearbeitet werden soll, wenn, wie im Göttinger Modell, der Gruppenleiter gleichzeitig evaluierender Lehrer sein soll? Soll das Konkurrieren der beiden Verfahren mit dem berufspolitisch motivierten Paukenschlag gelöst werden, die Gruppentherapie zum Verfahren 1. Wahl zu erklären? Wer die Tagungen der D3G besucht, kennt diesen provokanten Vorschlag von U. Schultz-Venrath. Mit seinem kenntnisreichen Vortrag zu „Un(d)zeitgemäßes über Gruppenpsychotherapie“ ergab sich dann auch ein kontrastreiches Duett: „nur mit dem Wissen um Geschichte kann man modern denken“ – er unternahm lohnende historische Rückblicke auf „Anti-Gruppenphänomene“ seit Freud, und weckte die Erinnerung an Burrow (1924), der frühzeitig das „soziale Unbewusste“ fokussierte. Kann der neue Begriff der psychodynamischen Gruppentherapie kooperativ verbinden, wo Rivalitäten der tiefenpsychologisch fundiert ausgebildeten Gruppentherapeuten und der psychoanalytisch ausgebildeten Gruppenanalytiker destruktiv die Großgruppenkohäsion der D3G belasten? „Fortschritt bedeutet, den Standpunkt zu ändern“ , ein Satz von U. Schultz-Venrath, der die konservative Positionierung großer Institutionen zur Bewahrung der Psychoanalyse  am Beispiel der IPA aufs Korn nahm.

 

In der Arbeitsgruppe zu den Hauptvorträgen hierzu (mit einer Gruppengröße von 50 Teilnehmern!) spiegelten die vielen Wortbeiträge zwar kurz die diversen Standpunkte wieder, aber es scheiterte eine Vertiefung der Thematik. Meine Erwartung des Austauschs zu persönlichen Erfahrungen waren in der berufspolitisch akzentuierten Dynamik fehl am Platz.

 

Die Polyphonie in den 3 traditionellen Großgruppensitzungen der Tagungsteilnehmer hat mich in vertrauter Weise wieder sehr bereichert. Verwirrungen, Spannungen, Angriffe und Konter, überraschende Wendungen, humorvolle Entspannung und kluge Ideen, schmerzliche Verluste, betroffenes Schweigen, die Fülle sortierte sich im Verlauf der 3 Sitzungen zu einem Konzert, dass mich mit der D3G nachhaltig verbindet.

 

S. Hutchinsons Vortrag „Changing Patterns of Intimacy and Belonging – Implications for Group Analysis“ fokussierte 2 aktuelle Umbrüche, die radikalen sozialen Wandel mit sich bringen. Angesichts der Migrationsströme auf der Flucht vor Krieg und Terror  beleuchtete sie die Nützlichkeit  von Feldstudien zu Konflikten zwischen sozialen Gruppen von Migranten, und von Modellen zum Verständnis von Identitätskonflikten, die im Sinne von Erik Erikson die Dialektik von individuellen Entwicklungskrisen und zeitgenössischen Krisen in der historischen Entwicklung berücksichtigen. Und wo im WorldWideWeb die Flexibilität und Beweglichkeit zu kommunizieren zunimmt, und Chancen schafft etwa für Migranten mit ihren Ursprungsland per Handy im Kontakt zu bleiben, oder für gehemmte Menschen, Kontakte zu virtuellen Gruppen zu knüpfen,  gilt ihre Sorge der zunehmend fehlenden face-to-face Kommunikation, die eine Selbstentwicklung in der spiegelnden Resonanz des realen Anderen ermöglicht. Eindrucksvolle Beispiele aus ihrer gruppenanalytischen Praxis, die Mittel- und Unterschicht-Mitglieder und Teilnehmer verschiedener Kulturen und Religionen zusammenbringt, verdeutlichten die Entwicklung fördernden Chancen der Gruppenanalyse. Um Intimität und Bezogenheit im persönlichen Kontakt zu fördern, plädierte sie für die zunehmende Erweiterung von gruppenanalytischem Engagement über das klinische Feld hinaus, hinein in die psychosozialen Felder der Gesellschaft gerade jetzt.

 

Auch der Vortrag von E. Rohr “To go fast, go alone – to go far, go together!“ fokussierte aus kundiger  kulturanthropologischer Perspektive die Umbrüche, die Migration und Flucht und neue Beheimatung mit sich bringen. Wie der gruppenanalytische  Blick auf das Erleben des Einzelnen zum Verständnis der Prozesse beitragen kann, zeigte sie auf mit Hinweisen auf die Notwendigkeit von kulturspezifischen Trennungsritualen zur Meisterung der Phasen des Abschieds,  auf die unausweichliche Erfahrung, aus der Matrix zu fallen,  wie es ist, zu ertragen, „namenlos und unbehaust“ zu sein,  wie der „Transit“ gefördert werden kann, hin zu einer „transformativen Phase“ der Integration, und welche  Ängste wir, die Daheimgebliebenen, projizieren auf die „kraftvollen und mutigen“ Menschen , die die Flucht gewagt haben.

 

Ich verließ die Tagung inhaltlich bereichert und mit dem Memo, dass „zu in einer Gruppe erst dazugehört, wer ihre Konflikte kennt“ – diese Setzung war mir hängen geblieben. Auch in dieser Hinsicht hat meine Teilnahme an der Tagung zu meiner Bindung an die D3G beigetragen – eine Beziehung, die wegen der Lebenszeitbegrenzung und meiner Schwerpunktsetzung in der Einzelanalyse durchaus auch Ambivalenzen auszuhalten hat. 

 

Ulm, den 01. September 2016

Christina Schwilk

    

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